Maschinelle und soziale Intelligenz.

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Interview mit Blockchain-Expertin Shermin Voshmgir

1. Machtspiele

Ruedi Widmer: Wie sieht der Bildungsverlauf einer Blockchain-Expertin aus, wenn man Sie als Beispiel nimmt?

Shermin Voshmgir: Ich habe Wirtschaftsinformatik und Film studiert und war immer auch an geistes- und politikwissenschaftlichen Fragen interessiert. Ich habe zwei Jahre lang eine Dokumentar-Sendereihe zum Thema Demokratie gemacht. Das half mir, besser zu verstehen, was in unseren westlichen Demokratien nicht funktioniert. Als ich dann von Blockchain* hörte, sah ich darin Potenziale, wie wir diese Probleme lösen können, wenn wir es richtig machen.

RW: In Ihren öffentlichen Statements geht es oft um Game-Theorie. Warum?

SV: Spieltheorie war Teil dessen, was wir in Makroökonomie gelernt haben. Mit Blockchain hat mich das Thema aber richtig zu interessieren begonnen. Es sind die spieltheoretischen Anreizmechanismen, die öffentliche Blockchains wie Bitcoin und Ethereum so dezentral machen. Wir brauchen keine Manager mehr, sondern die vordefinierten Anreizmechanismen im Blockchain Protokoll regeln, wer im Netzwerk wann was machen darf. Entscheidend dabei ist aber, dass man mit den Prognosen über das Verhalten der Beteiligten richtig liegt. Was beispielsweise bei Bitcoin nicht immer der Fall war.

RW: Was war es, was man auf der menschlichen Seite falsch vorausgesehen hatte?

SV: Satoshi war in seinem White Paper von einfacher Spieltheorie ausgegangen: Er nahm an, dass jeder Miner, sprich jeder individuelle Rechner, auch individuell Transaktionen validiert und damit Bitcoins «schürft». Gemäss dieser einfachen Spieltheorie hätten alle Rechner gleichberechtigt sein sollen. Satoshi hatte nicht vorhergesehen, dass individuelle Rechner, beziehungsweise deren Besitzerinnen und Besitzer, sich zu Mining Pools koordinieren, um beim Validieren von Transaktionen einen Wettbewerbsvorteil zu haben. Bitcoin war ursprünglich dezentral, sprich demokratisch, konzipiert, ist aber heute in Wahrheit mehr eine Oligarchie weniger Mining Pools geworden. Die von Satoshi vordefinierten Anreizmechanismen beruhten auf falschen Annahmen.

2. Bürgertugenden


RW: Bitcoin und Blockchain haben, wie man sieht, sehr viel zu tun mit Machtstrategien in der Welt, wie wir Sie kennen. Ihnen geht es letztendlich um Mitbestimmung. Verstehen Sie sich persönlich als Bürgerin eines Landes, oder eher eines Kontinentes oder gar der Welt?

SV: Ich verstehe mich als Bürgerin der Welt. In nationalen Kategorien würde ich mich am ehesten als Österreicherin oder Iranerin definieren. Wenn es um den Ort geht, an dem ich lebe, bin ich eine Berlinerin.

RW: Gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser pluralen Identität und dem Interesse für Blockchain?

SV: Ich glaube schon. Ich bin in einer Welt der nationalen Grenzen aufgewachsen und war immer der multikulturelle bunte Hund, damit verbunden waren entsprechende emotionale Friktionen. Das andere ist die Erkenntnis, dass nationale Identitäten in der heutigen Welt immer weniger Sinn machen.

RW: Das führt uns zurück zum Problem, das Sie im Beispiel Bitcoin beschrieben haben: Zu viel Macht der Wenigen auf Kosten der Vielen. Welches ist hier Ihr Lösungsansatz?

SV: Wir müssen wegkommen von den plutokratischen Mitbestimmungsverfahren öffentlicher Blockchains wie Bitcoin oder Ethereum. Wer mehr Geld in der Fiat Welt hat, kann sich mehr Rechenleistung kaufen und hat in vielen Fällen mehr Mitspracherecht, wenn es um System Upgrades geht. Wer mehr Geld in der Fiat Welt hat, kann sich mehr Tokens in der Blockchain Welt kaufen, und da gelten oftmals plutokratische Abstimmungsverfahren, proportional zur Anzahl der Tokens, die man hält. Blockchain muss sich davon weg entwickeln, wenn wir Oligarchie vermeiden wollen.

RW: In der Welt, wie wir sie kennen, ist das herkömmliche Mittel, um Oligarchen oder Banken in die Schranken zu weisen, das Regulieren, also das Eingrenzen von Spielräumen durch Gesetze.

SV: Regulieren ist nicht das Mittel, das uns bei der Blockchain vorschwebt. Oder es ist ein anderes, systemimmanentes Regulieren. Im «Consensus Algorithmus» oder «Smart Contract» soll nicht das Prinzip eine Stimme pro Token gelten, sondern eine Stimme pro Person. Das wiederum ist auf der Blockchain, die für anonyme Identitäten designt ist, vorerst gar nicht möglich.

RW: Was kann nun Blockchain, die Lösung dieses Problems einmal vorausgesetzt, besser als Stimm-Regeln in der analogen Welt?

SV: Mit Smart Contracts und sich automatisch ausführenden Protokollen und Verträgen können wir zum ersten Mal zu niedrigen Transaktionskosten mehr Partizipation designen. Warum gehen wir heute nur alle vier Jahre wählen? Weil die Transaktionskosten zu hoch sind. Ihr Schweizer habt ja ein System, in dem sehr häufig abgestimmt wird, aber dazu muss man immer ins Wahllokal gehen, und man hat ziemlich viel Aufwand.

RW: Man kann auch per Brief abstimmen.

SV: Stellen Sie sich nun vor, dass das digital wird und, im Sinn von «liquid democracy», viel einfacher und mit viel weniger Bürokratie funktioniert. Darin kann ich meine Stimme geben und, abhängig von der weiteren Entwicklung, auch wieder zurückziehen.

RW: Das finde ich spannend. Gestern waren ja Wahlen in Frankreich, man konnte als Französin und Franzose Macron oder Le Pen auf den Zettel schreiben, oder leer einlegen. Es braucht dann wieder Umfrageinstitute, die in Erfahrung bringen, was denn nun die Wählenden genau gemeint haben.

SV: Das System Blockchain könnte vieles überwinden, was heute eine Hürde darstellt. Wenn wir es hätten, bräuchten wir keine herkömmlichen Parteien mehr.

RW: Könnte ich in der «liquid democracy» der Blockchain auch angeben, unter welchen Voraussetzungen mein Votum Bestand hat?

SV: Ja, aber darin sieht man auch die Nachteile. Ich kann den Wählerwillen mit Blockchain besser darstellen, aber langfristige Politik und Stabilität werden damit nicht unbedingt einfacher. Deshalb braucht es unbedingt – und das machen wir am BlockchainHub – die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Coderinnen, Politikwissenschaftler usw. Die Fragen sind hoch komplex. Nicht dass die Entwickler jetzt das Rad neu erfinden, als ob es sich um ein rein technisches Problem handeln würde. Die Geisteswissenschaft kann da einiges beitragen.

3. Kontrollverlust

RW: Was genau ist der BlockchainHub?

SV: Ich habe den Hub vor zwei Jahren gegründet. Ziel war unter anderem, die Allgemeinheit mit der Technologie und den darin liegenden Potenzialen vertraut zu machen. Mittlerweile gibt es interdisziplinäre Arbeitskreise wie Blockchain und Recht, Privacy by Design, Blockchain und Wissenschaft, Blockchain und Mobilität usw. Wir versuchen diese Fragen, die noch ungelöst sind, zu lösen: Welches Recht gilt in einem Peer-to-Peer-Netzwerk? Wie kann ich «legal contracts» aus «smart contracts» machen?

RW: Ist der Hub auch ein Ort von Forschung und Entwicklung?

SV: Sofern und soweit wir Mittel haben, unbedingt ja.

RW: Sie arbeiten aus Interesse an der Sache?

SV: Auf bezahlter Basis arbeite ich mit einem kleinen Team; alle anderen sind Stakeholder aus der Community.

RW: Inwieweit ist das Thema auf der politischen Bühne angekommen?

SV: Die Politik ist sehr interessiert an Blockchain, sowohl in der Perspektive der Förderung als auch darin, Blockchain im politischen Kontext umzusetzen. Wir sind beispielsweise im Gespräch mit der deutschen Regierung. Und gerade eben hatten wir einen zweitägigen «deep dive» mit der österreichischen Bundesregierung. Blockchain wird im Übrigen möglicherweise künftig gar nicht so relevant sein, wie wir heute denken, und könnte schon bald durch andere, bessere, kryptographische Multi-Rechner-Verfahren ersetzt werden.

RW: Das übergreifende Ziel ist das Verhindern von Manipulation, sehe ich das richtig?

SV: Manipulation kann nicht verhindert, sondern nur wahnsinnig teuer gemacht werden. Wir werden trotzdem von «trusted third parties» abhängig sein, das heisst von Leuten, die den Code genau verstehen. Das Prinzip Vertrauen und die Möglichkeit des Vertrauensmissbrauchs werden wir nicht aus der Welt schaffen, denn es wird weiterhin nötig sein, den Entwicklern zu vertrauen, wenn sie den Code upgraden. Blockchain, wenn man es intelligent designt, könnte viele Probleme, die wir heute haben, reduzieren. Nicht intelligent designt, könnte es auch die universelle Kontrollmaschine werden. Es kann in beide Richtungen gehen.

RW: Wer hat das in der Hand?

SV: Systeme können sich verselbständigen. Eine vollständige Kontrolle durch Personen gibt es eh nicht. Ich setze auf die kollektive Intelligenz, die in die richtige Richtung geht.

 

Shermin Voshmgir ist Gründerin und Leiterin des BlockchainHub in Berlin.

*Blockchain ist eine Datenbank, deren Daten durch die Speicherung in Form einer kryptographischen Verkettung gegen nachträgliche Manipulation gesichert sind. Die bisher bekannteste Anwendung ist die Kryptowährung Bitcoin, doch kann Blockchain in allen Arten von dezentralen Netzwerken angewendet werden, so etwa in DAO (Digital Autonomous Organisations).

Der Balken in meinem Auge ist eine geteilte Rubrik von Coucou und Zollfreilager, dem Kulturmigrations-Observatorium des Masters Kulturpublizistik der ZHdK. Die darin erscheinenden Interviews beleuchten die Kultur, ihre Praxen und Politiken als Frage der Multiperspektivität. Das Interview mit Shermin Voshmgir wurde am 8. Mai 2017 an der re:publica in Berlin geführt.

 

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