Daheim auf dem Campingplatz

Daheim auf dem Campingplatz

Neben Feriengästen beherbergt der Campingplatz am Schützenweiher auch dauerhafte Bewohnerinnen und Bewohner. Welche Vorteile bietet das Wohnen in einem Wohnmobil?

Gabriela und Georg empfangen mich mit festem Händedruck in ihrem Heim. Es besteht aus zwei Räumen. Hinter der mannshohen Reissverschluss-Tür befindet sich das Vorzelt. Unter meinen Füssen erstreckt sich ein Holzboden, vor den Plastikfenstern sind rote, selten bis nie gezogene Vorhänge befestigt; an ihnen hängen Fotos. Zwei Heizkörper blasen warme Luft; das Thermometer zeigt stolze 26 Grad an. Je nach Anlass wird hier gespeist, gespielt, gearbeitet und, wenn Gäste da sind, auf dem Sofa geschlafen.

Mit dem Vorzelt verbunden ist ein nigelnagelneues rotes Wohnmobil mit Bodenheizung. Es ist ihr ganzer Stolz. In ihm schlafen und kochen sie, und wenn sie manchmal das Fernweh packt, koppeln sie es kurzerhand vom Vorzelt ab und verreisen mit ihm. Diese Flexibilität schätzen sie sehr.

Auf einer Reise durch Neuseeland lernten Gabriela und Georg die Vorzüge des mobilen Wohnens kennen. Neben der Flexibilität geniessen sie auch die materielle Bescheidenheit. Der Entscheid, die Wohnung zu kündigen und im Wohnmobil zu leben, zog eine Minimierung ihres Besitzes mit sich. Sie empfinden es als Freiheit, sich von überflüssigem Material getrennt zu haben und ihr Heim, den Campingplatz-Auflagen gerecht, innert 48 Stunden abbauen zu können.

Auch die Nähe zur Natur möchten sie nicht missen. Manchmal prasselt der Regen so heftig aufs Blechdach, dass telefonieren unmöglich wird und man sich beim Filme schauen die Boxen dicht ans Ohr halten muss. Für den Gang zu Toilette und Waschraum haben sie sich daran gewöhnt, bei jeder Temperatur im Freien den Kopf zu lüften. Wenn Gabriela manchmal bei ihrer Tochter in Bern zu Besuch ist, bezweifelt sie, dass sie sich über längere Zeit in einer Wohnung noch wohl fühlen könnte. Ihr fehle die Luft zum Atmen und sie verspüre den Drang sämtliche Fenster aufzureissen.

Fünfeinhalb Jahre ist es her, dass sie auf den Campingplatz Rosenberg kamen. Mittlerweile haben sie sich an den neuen Lebensstil gewöhnt, so auch ans Ausbleiben von schalldichten Mauern. Wer auf dem Camping wohnt, muss tolerant sein und stets Rücksicht auf die Nachbarn nehmen. Besonders im Sommer bekommt man viel des Lebens der anderen mit. Beim Abwaschen werden die neusten Neuigkeiten ausgetauscht. Georg, der meistens den Abwasch übernimmt, hört absichtlich nur mit halbem Ohr zu, während sich die anderen die Mäuler zerreissen, und hat die Lästereien auf dem Weg zum Wohnmobil bereits wieder vergessen.

Das nahe Zusammenleben führt aber nicht zwangsläufig zu engeren Nachbarschaftsbeziehungen. Die Wahrung der Privatsphäre ist auch hier oberstes Gebot. Erst neulich mussten Gabriela und Georg erfahren, dass sie bedauerlich distanzierte Verhältnisse zu ihren Nachbarn haben: Ihr unmittelbarer Nachbar, mit dem sie auch den Garten teilen, verbrachte über eine Woche im Spital, ohne dass sie Wind davon bekommen hatten. Erschrocken über die Anonymität versicherten sie ihrem Nachbarn nun, regelmässig vorbeizuschauen, auch wenn grundsätzlich gilt, niemandem ins Vorzelt zu trampeln.

Diesbezüglich entsprechen Gabriela und Georg nicht dem Klischee von Campingbewohnern. Sie sind offene Menschen und schätzen den sozialen Kontakt. Auf Platz Nummer 52 herrscht reges Kommen und Gehen. Das Paar kocht leidenschaftlich gerne und legt Wert auf eine gesunde Ernährung. Zu Weihnachten war die ganze Familie zu Besuch. Für diese Gelegenheit wird ein Tischtuch ausgebreitet, das Porzellangeschirr kommt zum Zuge und eine gute Flasche Wein wird geöffnet. Sie betonen, dass sie auch in der neuen Wohnform den Sinn für Ästhetik und Genuss durchaus beibehalten haben.

Dank dem GA sind die beiden auch oft unterwegs, zu Besuch bei Freunden und Verwandten. Sie engagieren sich ausserdem in Winterthur. Georg spielt in einer Theatergruppe und Gabriela war 15 Jahre in der Politik aktiv und wird vielleicht in Kürze in den Vorstand des Quartiervereins Rosenberg gewählt. Die gewählte Wohnform soll sie nicht aus der Gesellschaft ausgrenzen, sie möchten aktive Mitglieder der Stadt Winterthur sein. Und nach der Pensionierung hoffen sie, wie damals in Neuseeland, ungebunden durch Europa ziehen und neue Gegenden erforschen zu können.

 

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