Unterwegs als Zirkuscompagnie

Unterwegs als Zirkuscompagnie

Die Artistin Julia Moa Caprez spricht über ihren Beruf als Clownin und ihren nomadischen Lebensstil.

1. Leben als Nomaden

 

Géraldine Waespi: Seit 2008 tourst du gemeinsam mit deinem Ehemann als Clown-Duett unter dem Namen «Les Rois Vagabonds» durch die Welt. Wie bist du eigentlich zum Zirkus gekommen?

Julia Caprez: Ich habe als Kind angefangen Geige zu spielen und Akrobatik zu machen. Meine Mutter hatte als junge Frau einige Zeit als Primarlehrerin in einem traditionellen Zirkus gearbeitet und war seit jeher eine leidenschaftliche Zirkusbesucherin. Entsprechend hat sie uns immer an Aufführungen mitgenommen. Zuhause hatten wir Hochseil, Einrad und Trapez.

 

GW: Wieso hast du dich dazu entschieden, Clownin zu werden?

JC: Ich habe in Frankreich Musik, Tanz und Akrobatik studiert und war trotz dieser disziplinären Vielseitigkeit auf der Bühne frustriert, es fehlte mir etwas. Als ich die Clown-Kunst entdeckte, wurde mir klar, dass dies das fehlende Element war. Die starke Beziehung zwischen dem Clown und dem Publikum hat meinem künstlerischen Schaffen einen Sinn gegeben und mir viele Möglichkeiten eröffnet.

 

GW: Gab es einen Moment, in dem du dich bewusst dazu entschlossen hast, ein nomadisches Leben zu führen?

JC: Da dieser Beruf das «Nomadische» mit sich bringt, war die Entscheidung für diesen Lebensstil sehr bewusst. Es ist aber auch eine Entscheidung, die man immer wieder hinterfragt. Ich stelle mir manchmal vor, wie einfach und schön es doch wäre, sesshaft zu sein und ein regelmässiges Leben zu führen. Ich glaube, es ist ein dauerhafter Prozess, bei dem es fortlaufend abzuschätzen gilt, ob der Lebensstil noch den eigenen Vorstellungen entspricht. Wie lange möchten meine Familie und ich noch so leben? Ist dieser Lebensstil gut für meinen Sohn? Beispielsweise haben wir vor einigen Jahren etwas geändert: Ich wohne mit meiner Familie sieben bis acht Monate im Jahr im Wohnmobil, wenn wir in Europa auf Tournee sind. Früher haben wir immer in Hotels übernachtet, was wir jetzt nur noch machen, wenn wir interkontinental unterwegs sind.

 

GW: Das macht das Leben einfacher?

JC: Die intensiven Tourneen könnten wir ohne Wohnmobil gar nicht bewältigen, da wir in kurzer Zeit jeweils grosse Distanzen zurücklegen und somit möglichst mobil bleiben müssen. Ausserdem wäre das tägliche Kofferpacken für mich und meine Familie viel zu anstrengend. Im Wohnwagen hat unser Sohn sein kleines Zimmer und seine Bücher dabei. Diese Dauerhaftigkeit ist wichtig in unserem Alltag.

 

GW: Wie gestaltet sich denn die Erziehung deines Sohnes während der Tournee?

JC: Unser Sohn ist in der nationalen französischen Fernschule eingeschrieben. Er ging nie in eine ortsgebundene Schule, da wir seit seiner Geburt eigentlich nonstop auf Tournee sind. Für mich ist es ein Privileg dieses Leben mit ihm zu teilen und zu erleben, wie er aufwächst. Für ihn ist es ganz normal, dass wir Eltern ihn unterrichten, er kennt das nicht anders. Ausserdem hat er durch unseren Lebensstil einen Einblick in den Berufsalltag: Er nimmt beispielsweise an den Proben und an den technischen Aufbauten teil. Im Rahmen unserer Aufführung haben wir auch eine kleine Szene für ihn kreiert. Er hat schon früh gelernt, sich in dieser Welt von Erwachsenen zurechtzufinden.

 

GW: Wie gestaltet sich euer soziales Umfeld?

JC: Wir reisen jeweils zu fünft: Zwei Techniker, die wir mittlerweile sehr gut kennen, begleiten uns während der gesamten Tournee, wo wir auch sonst dauernd unter Leuten sind. Wir spielen hauptsächlich in Theatern und werden da von einer lokalen Equipe empfangen, verbringen den Tag mit den Mitarbeitenden der jeweiligen Institution und treffen nach der Vorstellung das Publikum. Unsere Familie und Freunde sind in verschiedensten Ländern verteilt und wir versuchen, sie so oft wie möglich zu besuchen.

 

GW: Ist euer Kontakt zu den Leuten also hauptsächlich beruflicher Natur? Bleibt es dabei oder entstehen daraus auch engere Freundschaften?

JC: Auf Tournee sind die Kontakte oft beruflicher Natur. Es entstehen aber immer mal wieder dauerhafte und enge Verbindungen mit Theaterdirektoren, Technikern, anderen Künstlerinnen und Künstlern oder sogar mit Leuten aus dem Publikum.

 

2. Zirkus im Alter

 

GW: Macht ihr euch Gedanken darüber, wie es weiter geht, wenn ihr älter werdet oder nicht mehr die Energie dazu habt, eure Tournee durchzuführen?

JC: Natürlich denken wir manchmal daran und werden teilweise auch damit konfrontiert, zum Beispiel wenn einer von uns verletzt ist. Wenn dieser Moment einmal eintrifft, werden wir uns wohl beruflich umorientieren. Ich glaube, dass wir uns mit all den Erfahrungen, die wir über die Jahre gesammelt haben, etwas anderes aufbauen können. Das ist auch ein wichtiges Element des Nomadenlebens und gleichzeitig die Essenz der Clown-Kunst: Das Leben im Moment, die absolute Präsenz in der Gegenwart.

 

GW: Hast du schon eine Vorstellung vor Augen, was du nach dem Zirkus machen möchtest?

JC: Heute kann ich es mir nicht vorstellen, nicht mehr auf der Bühne zu stehen. Ich bin ja nicht nur Akrobatin sondern auch Musikerin und Clownin und da gibt es künstlerisches Entwicklungspotential, auch wenn der Körper älter wird.

 

GW: Könnt ihr euch vorstellen, sesshaft zu werden?

JC: Ich glaube, dass die Realität der Sesshaftigkeit irgendwann kommen wird, da wir nicht in einem traditionellen Zirkusunternehmen arbeiten, das von Generation zu Generation weitergegeben wird und die älteren Mitglieder quasi mitzieht. Wir gehören zu der neuen Generation, die nicht im Zirkus geboren wurde – für uns gibt es ein Davor und ein Danach.

 

3. Gesellschaftliche Akzeptanz

 

GW: Wie reagieren Aussenstehende auf euren Lebensstil?

JC: Die meisten Leute finden ihn sehr interessant und haben eine romantische Vorstellung vom Nomadenleben. Man hört auch mal abschätzige Aussagen wie «da kommen die Zigeuner». Ich habe auch schon erlebt, dass die Polizei aufgeboten wurde, weil wir mitten in der Nacht mit dem Wohnmobil ankamen und hinter dem Theater geparkt haben.

 

GW: Dann trifft dein Dasein als Artistin und Nomadin im Grossen und Ganzen eher auf Akzeptanz als auf Kritik?

JC: Auf alle Fälle. Ich habe mich nie schlecht empfangen gefühlt. Natürlich gibt es Leute, die Künstlerinnen und Künstler als Faulenzer betrachten. Dies ändert sich jedoch schnell, wenn sie sehen, was wir machen und wie viel Herzblut wir dafür hingeben. Ich hatte immer den Eindruck, dass die Leute das Imaginäre, die romantische Vorstellung des Artistenlebens, das wir in unseren Aufführungen übermitteln, sehr gerne annehmen. Gleichzeitig glaube ich, dass ein Teil unserer Arbeit darin besteht, die schwierigen Momente und die schweisstreibende Arbeit nicht offen zu zeigen, sondern mit unserer künstlerischen Arbeit die imaginäre Kraft im Menschen aufrechtzuerhalten.

 

GW: Könntest du das genauer beschreiben?

JC: Woher der Clown kommt, wohin er geht, was gestern war und was morgen ist, interessiert die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht. Im Hier und Jetzt soll gelacht und geweint werden. Dem Clown geht es hauptsächlich um den Augenblick und darum, einen starken Moment mit dem Publikum zu erleben. Die Emotionen, die letztendlich eine Verbindung mit dem Publikum herstellen, kann man jedoch nur übermitteln, wenn man als Artistin oder Artist mit dem «Clownsein» verbunden ist. Clown ist nicht nur ein Beruf, sondern eine Art zu Leben und zu Sein. Darum spielt auch das Nomadische eine grosse Rolle. Nach einem langen Tag kann man nicht einfach nach Hause gehen, die Tür schliessen und abschalten. Und genau das meine ich mit dem «Clownsein»: Es ist eine Arbeit, die tief mit unserem Lebensstil verbunden ist. Ich kann in der Unbequemlichkeit und Vielseitigkeit des Nomadenlebens sehr viel Kraft und Kreativität schöpfen. Es erfordert, sich täglich neu zu erfinden. Diese Dynamik ist wichtig für meine künstlerische Recherche…

 

GW: …also für den Prozess des künstlerischen Schaffens.

JC: Ja, aber auch für die Weiterentwicklung eines tieferen Verständnisses: Diese absolute Momentaufnahme des Clowns ist eine unendliche Suche. Das Nomadenleben ist ein wichtiger Bestandteil unserer künstlerischen Arbeit, sogar ein notwendiger – wären wir sesshaft, könnten wir unseren Beruf gar nicht ausüben.  

 

 

Julia Moa Caprez begann mit vier Jahren Geige zu spielen und hat sich als Tänzerin, Zirkusartistin und Clownin in Amsterdam, San Francisco, Buenos Aires und Marseille ausgebildet. Seit 2008 tourt sie mit ihrem Mann Igor Sellem und dem gemeinsamen Sohn Shadli Djoune unter dem Namen «Les Rois Vagabonds» als Clown-Duett durch ganz Europa, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika.

 

Der Balken in meinem Auge ist eine geteilte Rubrik von Coucou und Zollfreilager, dem Kulturmigrations-Observatorium der ZHdK. Die darin erscheinenden Interviews beleuchten die Kultur, ihre Praxen und Politiken als Frage der Multiperspektivität. Das Interview mit Julia Moa Caprez wurde am 23. Januar 2018 telefonisch geführt.

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