Konzertrituale

Konzertrituale

Okay, hier sind wir also. Der letzte Gratiskonzert-Abend. Der letzte enthusiastische Aufschwung bevor Winterthur in den kommenden Tagen im Post-MFW-Down versinken wird.

 Den Auftakt macht Überyou aus Zürich. Bald schon sind sämtliche Punk-Konzert-Checklistenpunkte abgehakt:

  • Pogen, auf den Boden landen, sofort hochgezogen und wieder ins Geschehen reingeworfen werden
  • Stage-Diving (beziehungsweise ein mittelgrosser Mob bildet sich, der Einzelpersonen durch die Gegend trägt)
  • Wiederholt wird das Publikum seitens der Band zum Saufen animiert
  • Gruppenbildende Rhetorik schwingt in den Ansagen mit («Ihr seid in unserem Team!»)
  • Woo-ooo-ooh-Parts bilden die Refrains der Songs (die Wooh-Enthusiast*innen im Publikum reagieren sofort)
  • Ein Verstärker raucht ab
  • Spezialeffekte werden zum Einsatz gebracht (in diesem Fall spektakuläre Tischbomben-Aktion, Party-Hüte und ein aufblasbarer Riesenclown, der im Hintergrund der Bühne vor sich hin wackelt)

 

Dann lassen sich noch einige von Musikgenre unabhängige Konzertrituale beobachten. Das Publikum:

  • besammelt sich lose vor der Bühne
  • nimmt Verlegenheitsposen ein
  • geht sich Bier holen
  • führt Gspröchli über vergangene Konzerte, um die eigene Identität zu inszenieren
  • führt unbeholfene Gspröchli über Musik – was gibt es über Musik schon zu sagen?
  • steht blöd in der Gegend herum, besonders zwischen den Konzerten
  • trifft Gelegenheitskontakte, führt Gelegenheitsgespräche über Gelegenheitsthemen
  • holt sich mehr Bier
  • und dann, während dem eigentlichen Konzert, bestätigt es – «Seid ihr da, Winterthur?» – seine Anwesenheit mit Woohoos, Klatschen, Rufen und Enthusiasmus
  • kauft sich Merch, um (a) die eigene Identität weiter zu bilden, (b) Fetischobjekte anzuhimmeln, (c) Souvenirs in seinem Kleiderschrank von Motten zerfressen zu lassen, oder (d) Schlafanzüge daraus zu machen
  • fragt sich in einem Moment der Dissoziation, was es hier eigentlich macht
  • holt sich noch mehr Bier

 

Die Band:

  • kündigt sich selbst auf der Bühne an, anscheinend um sicher zu gehen, dass es dem Publikum aufgefallen ist, dass die Band jetzt auf der Bühne ist, imfall
  • lässt sich daraufhin erstmal beklatschen
  • spielt ein paar Songs
  • teilt dem Publikum mit, wie jede*r einzelne Musiker*in auf der Bühne heisst, weil das Publikum ganz bestimmt jeden der Namen wissen möchte und merken kann
  • motiviert die Leute mit Gesten und direkten verbalen Aufforderungen zum Näherkommen und Tanzen
  • fragt das Publikum wie es ihm geht – und sofern Gebrülle und Woohoos als «gut» verstanden werden können, geht es dem Publikum immer gut
  • die Band belächelt dann das Gebrülle und die Woohoos als Antwort
  • spielt ein paar weitere Songs
  • vielleicht sogar den Hit, den jede*r kennt
  • macht jeder Stadt das Kompliment, dass diese Stadt jetzt nun wirklich die schönste und beste Stadt ist, in der sie je gespielt haben
  • spricht das Publikum beim Namen der Stadt an – «Seid ihr da, Winterthur!?» – es passiert selten, dass niemand da ist, wenn diese Frage gestellt wird.
  • wirft gegens Ende hin Drumsticks ins Publikum
  • verlässt die Bühne, lässt die Instrumente aber eingesteckt – als würde die Band nicht checken, dass sie gleich wieder auf die Bühne kommt, um eine Zugabe zu spielen
  • spielt daraufhin die einplante Zugabe
  • geht dann endlich von der Bühne, und erlöst alle von ihrer sozialen Verpflichung, in der Öffentlichkeit über längere Zeit Enthusiasmus an den Tag legen zu müssen

 

Am Abend des 19. finden die Rituale ein Ende, als the one and only Julia Toggenburger die Band Brutus abmoderiert – und uns in die unter Jupiter, dem Perseidenschauer und einem zunehmenden Mond stehende Nacht entlässt.

Und damit beginnt das Leben nach den Musikfestwochen.

 

 

 

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