«Was ist ein Schweizer? Was ist eine Migrantin? Was eine Bürgerin? Wer entscheidet in der Demokratie?

«Was ist ein Schweizer? Was ist eine Migrantin? Was eine Bürgerin? Wer entscheidet in der Demokratie?

Interview mit Mitrah Akhbari

1. Ein Film als Perspektivenwechsel

 

Katharina Flieger: «Wir Mitbürgerinnen» begleitet drei engagierte Frauen durch ihren Alltag an unterschiedliche Orte politischer Partizipation in der Schweiz. Der von der feministischen Friedensorganisation cfd produzierte Dokumentarfilm wurde für den Berner Filmpreis 2015 nominiert. Was gab den Anstoss zu diesem Projekt?

 

Mithra Akhbari: Die Rolle der Medien und deren grosse Wirkmacht auf die Meinungsbildung ist für uns ein zentrales Thema. Im Zusammenhang mit Migranten und Migrantinnen werden überwiegend negative Bilder konstruiert: überdurchschnittlich kriminell, unangepasst, nicht integriert – was auch immer dies bedeutet. Die Migrantin wird, plakativ ausgedrückt, von ihrem ausländischen Mann unterdrückt. Ein weiteres Problem vieler Medien: Pauschalisierungen wie «Die Migranten», «Die Ausländer» werden der Intersektionalität, also der Verschränkung verschiedener Ungleichheit generierender Faktoren, nicht gerecht. Im Fall der Migrantin ist die ihr zugeschriebene Rolle meistens eine passive. Mit dem Film durchbrechen wir diese.

 

KF: Wer ist wir?

 

MA: Wir sind eine äusserst heterogene Gruppe von 14 Frauen aus 11 Herkunftsländern. Was die Frauen verbindet, ist die Migration in die Schweiz sowie ein Interesse, das Lebensumfeld mitzugestalten. Wir stellen die Frage: Über welche Zugänge kommen wir selber zu Wort? Die gängigen medialen Formate wiederholen meist die genannten Zuschreibungen. Auch Filme, in denen Migrantinnen zu Wort kommen, verweisen üblicherweise auf eine emotionale Ebene des persönlichen Schicksals, die Migrationsgeschichte, die immer wieder bearbeitet werden muss. Kompetenzen werden abgesprochen, die auftretenden Frauen sind nicht Expertinnen, sondern «arme Migrantinnen». Deshalb entschieden wir uns, den Film zu machen: Indem wir uns in das öffentliche Leben einmischen, indem wir uns eine Interpretationsmacht herausnehmen, erhalten wir auch im Alltag mehr Einfluss.

 

KF: Worauf bezieht sich diese Interpretationsmacht?

 

MA: Wir stehen hinter der Kamera, und wir interpretieren das Material. Das ist ein bedeutender Perspektivenwechsel: Migrantinnen erklären den Hiesigen mal die Schweiz. Wir suchen die Räume aus und die Kamera ist das Eintrittsticket. Die Arbeit am Film hat uns neue Zugänge eröffnet und zugleich Grenzen verschoben. Wir haben uns bewusst dafür entschieden, die persönliche Migrationsgeschichte der Frauen nicht zu thematisieren. Auch dies ist eine Form der Ermächtigung. Das Drehbuch wurde im Konsensverfahren erarbeitet, was zeitweise eine grosse Herausforderung darstellte in einer derart heterogenen Gruppe: Hinter welchen Aussagen und Bildern können wir alle stehen? Und: Wenn wir endlich die Möglichkeit haben zu sprechen, was sagen wir dann?

 

KF: Und, was sagt ihr?

 

MA: Wir fragen. Was ist ein Schweizer? Was ist eine Migrantin? Was ist eine Bürgerin? Wer entscheidet in der Demokratie? Dazu zeigen wir unterschiedliche Facetten auf. Wir versuchen bei jeder Tür, die ein Spalt weit offen ist, den Fuss reinzuhalten. Es sollen noch viele andere die Füsse reinhalten, bis die Tür weit aufgeht.

  

2. Wider die Integrationsmaschinerie

 

KF: Im Film gibt es eine Szene, in der die Protagonistin fragt: «Alle sprechen heute über die Integration von Migranten. Was bedeutet Integration? Wir Migranten verstehen noch nicht, was die Anderen von uns verlangen.» Seid ihr euch denn einig, was mit Integration gemeint ist?

 

MA: Nein. Es gab in der Gruppe die Haltung, dass, wer die Gastfreundschaft der Schweiz beanspruche, sich auch anpassen müsse. Daneben gab es die Position, dass der Integrationsdiskurs Teil einer Maschinerie von Exklusion und Inklusion ist. Eine Frage der Über- und Unterordnung, wozu der cfd Anfang 2013 eine Tagung mit dem Titel «Wi(e)der die Integrationsmaschinerie»veranstaltet hat. Der Diskurs der Anpassung konstruiert eine Homogenität, die es so nicht gibt. An was genau soll man sich denn anpassen? Was heute unter Integration verstanden wird, liegt sehr nahe an dem, was früher mit Assimilation gemeint war. Es geht vor allem um Leistungen und um Pflichten, welche die Leute erfüllen müssen. Der Begriff setzt beim Individuum an. Es wird nicht danach gefragt, wie integrativ unsere Strukturen sind. Wenn man über Integration spricht, müsste man auch darüber sprechen, und nicht nur, was für Pflichten Zugewanderte haben. Der Film ist eine gute Gelegenheit dafür.

 

KF: An wen richtet sich der Film?

 

MA: Er richtet sich einerseits an alle, die von politischen Prozessen ausgeschlossen sind oder die sich ausgeschlossen fühlen. Er will diesen Menschen Mut machen, zu partizipieren. Weiter richtet er sich an Politikerinnen, an Akteure in Institutionen, die Partizipationsprojekt machen, an Leute, die im Migrations- und Integrationsbereich arbeiten. Letztlich ist er auch für ein breites Publikum gedacht:Er sensibilisiert, zeigt in seiner Alltäglichkeit neue Aspekte auf. Er dokumentiert, was sonst wenig sichtbar ist. Migration findet statt, Partizipation findet statt.  

 

3. Zur Frage der Bürgerschaft

 

KF: Im Film wird das Thema der Bürgerschaft im breiten Sinne aufgegriffen, von der Vorstellung beim Gemeindepräsidenten bis zum Strassenprotest für die Renovation eines Krankenhauses. Gab es einen Konsens dafür, was eine Bürgerin ist oder sein soll?

 

MA: Ähnlich wie bei der Frage der Integration wurde ein breites Spektrum von Meinungen vertreten, vom Postulat eines Stimmrechts für alle in der Schweiz lebenden Menschen bis zu der Haltung, dass man sich ein solches erst verdienen müsse. Wir sagen nicht, dies oder das ist eine Bürgerin. Vielmehr eröffnen wir die Diskussion – Bürgerschaft ist nichts Statisches. Wir haben drei unterschiedliche Räume und Ebenen der Partizipation ausgesucht, wohin wir die Protagonistinnen begleitet haben. Ein Beispiel dafür ist ein Quartier in Bern: Auf Quartierebene ist es auch ohne Schweizer Staatsbürgerschaft möglich, Einfluss zu nehmen, beispielsweise im Elternrat oder in der Integrationskommission. Dann begleiten wir ein Mitglied des Publikumsrats der SRG. Den haben wir ausgewählt, da man kaum Einblick in solch ein Gremium erhält und die Medien ein zentrales Thema für uns darstellen. Der Grosse Rat in Neuenburg letztlich zeigt, wie in der Romandie politisiert wird, und damit auch Unterschiede innerhalb der Schweiz.

 

KF: Was kann eine in der Deutschschweiz aufgewachsene Schweizerin lernen?

 

MA: Dass Recht und Bürgerschaft keineswegs naturgegeben, sondern soziale Konstrukte sind. Die Schweiz ist sehr stolz auf ihre Demokratie. Oft wird dabei ausgeblendet, dass die Schweizer Frauen erst 1971 das Wahlrecht erhalten haben und dass heute rund ein Viertel der hier lebenden Bevölkerung von politischen Entscheiden zwar betroffen ist, auf formeller politischer Ebene jedoch nicht mitbestimmen kann. Es gibt aber auch viele Möglichkeiten der Mitgestaltung und Mitbestimmung unabhängig von der Staatszugehörigkeit. Im Projekt ging es auch darum, diese auszuloten und zu erweitern. Uns ist es wichtig, in dem Zusammenhang Facetten der Bürgerschaft und Widersprüche aufzuzeigen. In sieben Kantonen kann man als Nicht-Staatsangehörige auf kommunaler Ebene wählen – und teils auch gewählt werden. Weiter gibt es mancherorts noch die Landsgemeinde, und im Kanton Glarus kann man auf kantonaler Ebene bereits ab 16 abstimmen. Vielen Menschen, die im Alltag nie beweisen müssen, dass sie Bürger oder Bürgerinnen sind und was sie über die Schweiz wissen, sind solche Facetten nicht bewusst. Dieses soziale Konstrukt muss diskutiert werden. Wenn alle Partizipation fordern, soll man mit dem Thema ernst machen – doch dann sprechen wir auch über die Bedingungen.

Mithra Akhbari ist Programmverantwortliche im Bereich Migrationspolitik der feministischen Friedensorganisation cfd. Sie ist Sozialanthropologin und beschäftigt sich mit den Themen Gender, Partizipation, Diversität und Intersektionalität, Migration, Konflikttransformation und Dialog.

 

Der Dokumentarfilm «Wir Mitbürgerinnen» entstand im Rahmen des cfd-Projekts «Mitgestalten festgehalten», in dem zugewanderte Frauen ihr Mitspracherecht in der Öffentlichkeit beanspruchen und so Reflexionsräume zum Thema politische Teilhabe schaffen. Ausser der Regisseurin Perla Ciommi beschäftigten sich alle Beteiligten zum ersten Mal mit dem Medium Film. www.cfd-ch.org/d/migration/projekte/Mitgestalten_festgehalten.php

 

Der Balken in meinem Auge ist eine geteilte Rubrik von Coucou und Zollfreilager, dem Kulturmigrations-Observatorium der ZHdK. Die darin erscheinenden Interviews beleuchten die Kultur, ihre Praxen und Politiken als Frage der Multiperspektivität. Das Interview mit Mithra Akhbari wurde von Katharina Flieger am 14. September in Bern geführt.

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